Die Arbeitsgemeinschaft der Ausländer-, Migranten- und Integrationsbeiräte in Bayern (AGABY) geht von folgender Ausgangslage aus:
- Bayern ist ein reiches Land. Die gute sozioökonomische Lage trägt auch zu guten Ergebnissen in den landesweiten Vergleichen der Bildungserfolge bei. Dies darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die soziale Herkunft in Bayern weiterhin ein entscheidender Faktor für den Bildungserfolg ist. Gerade Kinder aus Zuwandererfamilien sind beim Bildungserfolg benachteiligt und an Gymnasien und Realschulen unterrepräsentiert. Dass viele von ihnen auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur erreichen, deutet darauf hin, dass ihre Talente und Potentiale zunächst nicht erkannt werden.
Die zentrale Herausforderung ist, allen Kindern gleiche Chancen zu bieten und die familienbedingten Unterschiede abzumildern. Den Ausbau ganztägiger Bildungsangebote bewerten wir vor diesem Hintergrund sowohl aus frauen- und migrationspolitischer Perspektive als eine wichtige Maßnahme, um allen Kindern bessere und familienunabhängige Bildungschancen zu eröffnen.
- Der Alltag in Kitas und Schulen ist bereits von Diversität geprägt. Neu zugewanderte Kinder, ob als Geflüchtete oder im Rahmen der Arbeitsmigration nach Deutschland gekommen, haben die Anzahl der Quereinstiege erhöht. Die Kinder in Kindergärten, Kitas und Schulen haben unterschiedliche Deutschkenntnisse, sprechen verschiedene Muttersprachen und haben unterschiedliche soziale, familiäre Bedingungen, Begabungen und Lerngeschwindigkeiten.
Das Schulsystem, insbesondere in Bayern, setzt jedoch auf eine frühe Aufteilung nach Schultyp und auf einheitliche, unflexible Vorgaben. Der internationale Vergleich zeigt, dass die spätere Sortierung nach Schultyp (8. Klasse) den Bildungserfolg von Kindern mit Migrationsgeschichte und aus sozial benachteiligten Familien deutlich verbessert.
Bildung ist die Basis für den ökonomischen Fortschritt unseres Landes. Die inklusive Schule der Zukunft muss in der Lage sein, Vielfalt wertzuschätzen, mit Unterschieden umzugehen und jedes Kind bestmöglich zu fördern.
- Auch in den Schulen gibt es Rassismus, Diskriminierung und Mobbing. Kinder dürfen mit diesen Problemen nicht alleingelassen werden. Die Schulen benötigen Personalressourcen, Interventionspläne und rassismus- und diskriminierungskritische didaktische Konzepte für Prävention und die Unterstützung von Betroffenen.
- Vielfalt und Diversität sind wichtige Ressourcen, um die Zukunft unserer Gesellschaft zu sichern. Die Mehrsprachigkeit und die verschiedenen kulturellen Kompetenzen der Kinder sollten in der Schule wertgeschätzt und für die gesamte Gesellschaft genutzt werden.
- Die Zugehörigkeit zur Gesellschaft ist nicht durch die nationale, kulturelle oder religiöse Herkunft definiert, sondern durch die Übernahme von Verantwortung für die Gemeinschaft und die Orientierung an die demokratischen Prinzipien und Menschenrechten. Nur so können wir den gegenseitigen Respekt und den gesellschaftlichen Zusammenhalt nachhaltig stärken und rassistische und ausgrenzende Ideologien entgegenwirken, die die Gesellschaft spalten und Hass verbreiten.
- Fachkräfte mit Migrationsgeschichte sind an Kitas und Schulen bisher unterrepräsentiert. Zudem ist die Zusammenarbeit zwischen Bildungsinstitutionen und Eltern mit Migrationshintergrund vielfach unzureichend. Wichtig ist deshalb die Erhöhung des Anteils an mehrsprachigen Erzieher*innen und Lehrer*innen. Sie sind wichtige Vorbilder für die Kinder und können auch die Elternarbeit entschieden bereichern. Für eine bessere Kommunikation und eine kompetente, interkulturelle Elternarbeit sind zudem zeitliche Ressourcen notwendig.
Für eine gute Bildung für alle Kinder haben die Ausländer-, Migranten- und Integrationsbeiräte Bayerns folgende allgemeine Forderungen:
- Recht auf Bildung unabhängig von Aufenthaltsstatus;
- Investitionen im Bildungsbereich
- Weiterentwicklung des Bildungssystems, das Vielfalt wertschätzt und einer diversen Gesellschaft gerecht wird.
Als detaillierte Maßnahmen fordern wir:
- längere gemeinsame Schulzeit für alle Kinder, d.h. Aufteilung nach der 4. Klasse;
- flächendeckender Ausbau der Ganztagsschule mit hochwertigen Bildungsangeboten und ganzheitlicher Förderung;
- ausreichende Ressourcen an pädagogischem Personal in Kindergärten, Kitas und Schulen und mehr Teamteaching, Lehrassistenzen und pädagogische Drittkräfte;
- kostenloses, gesundes Essen für alle Schüler*innen;
- kleinere Kitagruppen und Schulklassen;
- Anpassung der Ausbildung der Erzieher*innen und Lehrkräfte an die Anforderungen (diverse Gruppen, interkulturelle und rassismuskritische Kompetenzen);
- rassismuskritische Bildungskonzepte und Materialien;
- Beratungsangebote und Empowerment für Kinder, die von Rassismus und anderen Formen der Diskriminierung betroffen sind;
- weiterer Ausbau der Möglichkeit des Quereinstiegs, um Mangel an Lehrkräften und Erzieher*innen in Deutschland entgegenzuwirken. Anerkennung von Lehrerausbildung und ergänzende Qualifizierungsangebote für Pädagog*innen aus dem Ausland
- Kompetenz zur Sprachförderung (DaZ und DaF) in allen Fächern und Alters- und Jahrgangsstufen;
- Ausbau der Sprachlernangebote und Übergangsklassen, damit alle Zuwanderer-Kinder schnell am Regelunterricht teilnehmen können;
- Empowerment der Eltern mit Migrationshintergrund durch Informationskampagnen und Förderung ihrer Selbstorganisation, damit sie ihre Erziehungsauftrag unter den Bedingungen der Migration besser gerecht werden.