Mehrsprachigkeit als Ressource stärken – Für Bildungsgerechtigkeit, Teilhabe und gesellschaftlichen Zusammenhalt

Resolution der Vollversammlung der AGABY am 14. Juni 2026

Die Ausländer-, Migranten- und Integrationsbeiräte Bayerns stellen folgende Ausgangslage fest:

Mehrsprachigkeit ist gelebte Realität in Bayern. Sie ist kein Defizit, sondern eine zentrale Ressource für Individuen und die gesamte Gesellschaft. Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass Mehrsprachigkeit kognitive, soziale und wirtschaftliche Vorteile bietet und einen wichtigen Beitrag zur gesellschaftlichen Teilhabe leistet.

Gleichzeitig ist Mehrsprachigkeit eine Frage der sozialen Gerechtigkeit und der Grundrechte. Sprachrechte sind Menschenrechte. 

Dennoch wird Mehrsprachigkeit im Bildungssystem noch immer unzureichend anerkannt und strukturell benachteiligt. Ein auf Monolingualität ausgerichtetes System führt dazu, dass vorhandene sprachliche Ressourcen nicht genutzt, sondern oft unsichtbar gemacht oder gar als Problem betrachtet werden. Dies hat konkrete Bildungsungleichheiten und eingeschränkte Teilhabechancen zur Folge.

Eine zukunftsfähige, demokratische und vielfältige Gesellschaft braucht jedoch eine aktive, strukturell verankerte Förderung von Mehrsprachigkeit in Bildung, Verwaltung und Öffentlichkeit

Forderungen:

1. Mehrsprachigkeit im Bildungssystem systematisch verankern

  • Anerkennung und Förderung der Herkunftssprachen als integraler Bestandteil von Bildungsbiografien
  • Ausbau mehrsprachiger Bildungsangebote (z. B. bilinguale Programme, durchgängige Sprachbildung)
  • Systematische Öffnung schulischer Infrastruktur (z.B. Nutzung von Schulräumen) für den herkunftssprachlichen Unterricht
  • Qualifizierung von Lehrkräften im Umgang mit Mehrsprachigkeit und im Unterricht von Herkunftssprachen

Ziel: Bildungsgerechtigkeit und bessere Lernchancen für alle Kinder und Jugendlichen


2. Mehrsprachigkeit als gesellschaftliche Schlüsselkompetenz anerkennen

  • Offizielle Anerkennung von Mehrsprachigkeit als Schlüsselkompetenz
  • Sichtbarmachung mehrsprachiger Fähigkeiten in Schule, Ausbildung und Arbeitsmarkt
  • Förderung von Programmen, die sprachliche Ressourcen aktiv nutzen

Ziel: Abkehr vom Defizitblick hin zu einem ressourcenorientierten Ansatz

3. Strukturen schaffen und Koordination stärken

  • Einrichtung zentraler Informationsstrukturen zu herkunftssprachlichen Bildungsangeboten (z.B. digitale Plattformen)
  • Benennung fester Ansprechpersonen für Mehrsprachigkeit in der Verwaltung und im Bildungssystem
  • Bessere Vernetzung und strukturelle Unterstützung bestehender Angebote (Vereine, Träger, konsularischer Unterricht)

    Ziel: Transparenz, Zugang und nachhaltige Strukturen sichern

4. Zusammenarbeit mit Wissenschaft und Praxis stärken

  • Enge Kooperation mit wissenschaftlichen Einrichtungen (z.B. Internationale Forschungsstelle für Mehrsprachigkeit (IFM) der LMU München) und zivilgesellschaftlichen Netzwerken
  • Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in Bildungspolitik und Verwaltung
  • Förderung innovativer Modellprojekte

Ziel: Evidenzbasierte Politik und nachhaltige Konzepte

 

5. Gesellschaftliche Wertschätzung von Mehrsprachigkeit fördern

  • Öffentlichkeitskampagnen zur Sichtbarmachung von Mehrsprachigkeit
  • Unterstützung von Initiativen aus der Zivilgesellschaft
  • Förderung von kulturellen und sprachlichen Austauschformaten

Ziel: Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts und der Vielfalt
 

6. Öffentliche Investitionen und Modellprojekte ermöglichen

  • Prüfung und Einrichtung gezielter Förderprogramme für Mehrsprachigkeit auf Ebene des Landes und der Kommunen
  • Unterstützung von Pilotprojekten (z. B. lokale Mehrsprachigkeitszentren)

Ziel: Nachhaltige strukturelle Verankerung durch verlässliche Finanzierung
 

Schlussfolgerung
Mehrsprachigkeit ist die Realität und die Zukunft unserer Gesellschaft. Sie ist eine zentrale Voraussetzung für Integration, Chancengleichheit und wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit.

Die Delegierten der Vollversammlung der AGABY fordern die Bayerische Staatsregierung, die Kommunen sowie alle relevanten Akteur*innen dazu auf, Mehrsprachigkeit konsequent als Ressource und als Frage der sprachlichen Gerechtigkeit anzuerkennen und strukturell zu fördern.

Resolution Mehrsprachigkeit als pdf